News-Detail

Sie sind hier: Startseite / Politik und Verwaltung / Aktuelles / Neues aus Kirchheim / News-Detail

Immer wissen, was los ist.

Neuigkeiten & Nachrichtenblatt.

Dienstag, 14. November 2017

Kirchheim betritt mit künftiger Pflege-WG Neuland

Das Thema „Wohnen und Pflege im Alter“ gewinnt aufgrund der Tatsache, dass die Menschen immer älter werden können, zunehmend an Bedeutung – auch für die Kommunen. Darauf verwies Bürgermeister Uwe Seibold zu Beginn der Bürger-Informationsveranstaltung vom Mittwoch letzter Woche, bei der es um ein besonders ambitioniertes Pflege-Projekt ging: die geplante Pflege-WG in der Schillerstraße. Für dieses Projekt stehen laut Seibold Stiftungsmittel der Gemeinde bereit. Ob sich auch die Evangelische Kirchengemeinde an einer solchen Einrichtung beteiligt, steht noch nicht fest. „Die örtliche Kirchengemeinde möchte mitmachen“, ließ Pfarrer Dirk Kubitschek am vergangenen Mittwoch durchblicken. Jetzt müsse man nur noch die Kirchenvertreter in Stuttgart überzeugen. Mit im Boot wird zudem die Sozialstation Bönnigheim sein, die auch in Kirchheim tätig ist.

Mit der geplanten Gründung einer Pflege-WG betritt nun auch die Gemeinde Kirchheim Neuland. Deutschlandweit gibt es bislang noch nicht viele Beispiele für eine derartige Wohnform für Pflegebedürftige – am ehesten noch in Berlin und in den östlichen Bundesländern. Noch ist das Land Baden-Württemberg in dieser Hinsicht Schlusslicht, wie Pablo Rischard vom Institut AGP Sozialforschung aus Freiburg bei der Veranstaltung im Ratssaal berichtete. In Süd-Baden existieren indes bereits einige Pflege-WGs. Schon seit rund zehn Jahren können bis zu elf an Demenz erkrankte oder pflegebedürftige Menschen in Eichstetten in einer Wohngemeinschaft leben und alt werden. Wie dies funktioniert, zeigte den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern der Informationsveranstaltung ein Film über diese Einrichtung.

Die „Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz“ in Emmendingen haben kürzlich einige Repräsentanten der Gemeinde und des Gemeinderats zusammen mit Pfarrer Kubitschek in Augenschein genommen. Seibold wie Kubitschek zeigten sich letzte Woche beeindruckt von diesem WG-Projekt. Kubitschek bezeichnete es als eine „hervorragende Form der Betreuung“. Auch wirtschaftlich würde sich das Ganze lohnen. Überdies könnten sich das Leben in der Pflege-WG auch Menschen leisten, die nicht zu den Reichen gehören. Die Pflege-WG-Kosten seien in etwa mit den Kosten vergleichbar, die ein Pflegebedürftiger in einem „günstigen“ Pflegeheim zu tragen hätte, erläuterte Kubitschek. Seibold bekräftigte, eine Pflege-WG solle in Kirchheim das bestehende Betreuungsangebot ergänzen und nicht etwa eine Konkurrenz zum örtlichen Pflegeheim bilden.

In der Schillerstraße soll gegenüber der früheren Kirchheimer Bank voraussichtlich bis zum Herbst 2019 eine „selbst verantwortete Pflege-Wohngruppe“ für bis zu zwölf an Demenz erkrankte oder pflegebedürftige Menschen aus dem Ort entstehen. Dazu soll anstelle des noch bestehenden Gebäudes, in dem sich früher ein Schmuckladen befand, ein Neubau errichtet werden. Die rund 477 Quadratmeter große Pflege-WG ist im Erdgeschoss geplant. Im Obergeschoss gäbe es Platz für eine Arztpraxis, oder für weitere Wohnungen. Wie Seibold erklärte, ist die Gemeinde bereits mit einem Kirchheimer Investor im Gespräch. Die Aussichten seinen viel versprechend. In der künftigen Pflege-WG soll es neben Einzelzimmern auch zwei Doppelzimmer für Paare geben. Vorgesehen sind überdies ein kleiner Garten sowie gemeinsame Bade- und WC-Räume. „Wir wollen keine Krankenhausflur-Situation, sondern eine normale Wohnung“, führte Seibold aus. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Pflege-WG sollen von Pflegekräften betreut werden, die „ambulant unterwegs“ seien. Die Lage sei bewusst mitten im Ort gewählt worden.

Bei der Veranstaltung konnten die Bürgerinnen und Bürger letzte Woche an einer Pinwand notieren, ob sie im Alter lieber zuhause, in einer Pflege-WG oder in einem „gut geführten“ Pflegeheim leben möchten. Dabei zeigte sich: Das Interesse an einer Pflege-WG im Ort ist groß. AGP-Mitarbeiter Rischard informierte die Anwesenden im Ratssaal über grundsätzliche organisatorische Fragen zum Thema Pflege-WG. Das Freiburger Institut AGP hat die Gründung einiger der bestehenden Pflege-WGs im Südwesten intensiv begleitet. Die Form einer „selbst verantworteten Pflege-Wohngruppe“ sei die häufigste Variante bei den Pflege-WGs und bilde im „Wohn- Teilhabe- und Pflegegesetz – WTPG“ des Landes eine „Sonderform“, so Rischard. In einer solchen Pflege-WG solle eine alltagsbezogene „häusliche Atmosphäre“ entstehen. „Die Selbstverantwortung und die Selbstbestimmung stehen ganz oben“, machte der Institutsmitarbeiter deutlich.

Ein Pflege-WG-Bewohner ist ein normaler Mieter. Als Vermieter tritt in den meisten Fällen die Kommune auf. Jede Bewohnerin und jeder Bewohner kann sich seinen Pflegedienst frei wählen. Die Wohngemeinschaft entscheidet als Ganzes über jeden Neuzugang. Es gibt eine 24-Stunden Betreuung, die hauptsächlich von bezahlten Alltagsbegleiterinnen und Alltagsbegleitern geleistet wird. „Das Wohnen steht im Vordergrund und Alltagsbewältigung ist wichtiger als Pflegewissen. Jeder kann sich seinen Tagesrhythmus selber aussuchen“, unterstrich Rischard. Neben den geschulten Alltagsbegleitern sei man auf die Unterstützung durch ehrenamtliche Kräfte aus der Bürgerschaft oder auch durch Angehörige angewiesen. Entscheidend sei also ein „Hilfemix und die Aufteilung der Verantwortung“. In einer Pflege-WG gibt es überdies einen Bewohnersprecher, eine Haushaltskasse und Hilfe beim Einkauf oder bei Aktivitäten verschiedener Art.

„In gewohnter Umgebung alt werden“, umschrieb Rischard schließlich das Motto für eine funktionierende Pflege-WG. Institutsleiter Professor Thomas Klie bescheinigte der Gemeinde Kirchheim dann am Ende der Veranstaltung in seinem Vortrag noch einen positiven Trend im Blick auf die aktuelle Bevölkerungsentwicklung im Ort: In Kirchheim wächst seit 2015 die Bevölkerung wieder. Klie erhob die immer notwendiger werdende Sorge um die Pflege der alternden Bevölkerung zur „Kulturfrage“. Nicht „Qualitätsnoten für Pflegeheime“ oder „Überantwortung an den Markt“ seien entscheidend, sondern die Realisierung des sozialen Wandels in der Gesellschaft, meinte Klie. Seibold rief am Schluss die anwesenden Bürgerinnen und Bürger auf, sich bei der Gemeinde zu melden, falls sie sich für das Pflege-WG-Projekt oder in verschiedenen Workshops dazu ehrenamtlich engagieren wollen. Interessenten können bei Ordnungsamtsleiterin Andrea Fritz unter der Telefonnummer 8955-15 anrufen oder sich direkt bei Fritz im Rathaus melden. Letzte Woche sagten der Gemeinde bereits drei ehrenamtliche Kräfte ihre Unterstützung zu.